Das positive Verstärken

”Leckerli geben” - das fällt den meisten ein, wenn sie von positiven Verstärkern reden. Und manchen fällt dann auch noch ein, dass ein gewisser Pawlow nachgewiesen hat, dass Futterbelohnungen bei Hunden etwas bewirkt. Und wenn man nun diese beiden Halbwahrheiten vermischt und in die Hundeerziehung überträgt, dann feiert der Unverstand fröhliche Urständ!

Lange vor dem, was als positives Verstärken heute zu den verhaltenstherapeutischen Standardmethoden zählt, hat Pawlow seine Experimente durchgeführt. Allerdings ging es dabei weniger um ein Konzept der Verhaltensänderung (im weitesten Sinne: des Lernens), sondern um den Nachweis bestimmter Automatismen: Wenn nach einem Ton regelmäßig Futter gegeben wird, setzt nach einiger Zeit Speichelfluss auch dann ein, wenn nur der Ton, aber kein Futter da ist. Von da bis zum positiven Verstärken ist es ein weiter Weg und irgendwo mittendrin steht das “Leckerli geben”, wenn das alleine zum Lernen eingesetzt wird.

Grundgedanke des positiven Verstärkens ist: Wenn erwünschtes Verhalten regelmäßig belohnt wird, tritt es wahrscheinlich häufiger auf.

Um dieses Konzept zielgerichteten Lernens sinnvoll anzuwenden, sollte man sich über die einzelnen Worte dieser Definition einige Gedanken machen:

“erwünschtes Verhalten”: Einzuschränken ist gleich, dass nicht alles, was Ihnen für eine bestimmte Situation als erwünschtes Verhalten erscheint, in ähnlichen Situationen immer noch erwünscht ist. Beispiel: Ihr Hund soll Besucher durch bellen ankündigen, noch ehe das Klingelzeichen ertönt - Sie bringen ihm bei zu bellen, wenn er Schritte vor der Haustüre hört. Im Urlaub einige Zeit später macht genau dieses erlernte Verhalten Sie fast verrückt, denn in der Pension gehen ständig Mitarbeiter und Gäste an der Zimmertür vorbei. Sie merken plötzlich: was Sie Ihrem Hund beibringen wollten, war eigentlich, dass er ZUHAUSE (und nur dort) Besucher ankündigen soll. Der erste Hinweis muss also heißen: Legen Sie genau fest - am besten schriftlich - , was das erwünschte Verhalten sein soll. Prüfen Sie dann, ob dieses Verhalten negative Auswirkungen mit sich bringt oder in veränderten Situationen inakzeptabel ist - dann müssen Sie Ihre Zielbeschreibung ändern.

Nochmal “erwünschtes Verhalten”: Dieses Zielverhalten wird nicht schlagartig auftauchen (aber wenn, dann ist es ein schöner Zufall, den Sie schnell nutzen sollten!). Es wird sich schrittweise bilden, vielleicht zunächst nur in kleinen Ansätzen erkennbar werden. An genau dieser Stelle unterläuft vielen ein eklatanter Fehler: Sie würdigen diesen kleinen Ansatz nicht! Beispiel: Ein Hund soll “Halt” auf Zuruf erlernen - aber nach dem Zuruf verharrt er nur kurz und schaut zum Besitzer, dann läuft er weiter; menschlich verständlich, aber kontrapoduktiv ist die Reaktion des Besitzers: “Du Idiot, bleib doch stehen, wenn du das Leckerli willst!” Schon beim kleinsten Ansatz hat der Hund eine Belohnung verdient - sie weist ihm den Weg in die richtige Entwicklungsrichtung. Beim nächsen Mal wird er wahrscheinlich etwas länger verharren, wenn er das “Halt” hört und genau schauen, ob die Hand in die Leckerli-Tasche eintaucht (und beachten Sie: während all dieser Zeit bleibt er weitgehend an einer Stelle). Der zweite Hinweis heißt also: Am Anfang eines Lernprozesses muss der kleinste Ansatz belohnt werden.

“regelmäßig”: Damit ist ein Thema angesprochen, das bei der Hundeerziehung (letztlich jeder Form von Erziehung) besonders wichtig ist und viel zu oft vernachlässigt wird - die Konsequenz. Die Belohnung für jeden Ansatz des erwünschten Verhaltens hat konsequent immer zu erfolgen. Dann ist die “Mitteilung” eindeutig: “Ich finde es belohnenswert, wenn du dies oder das tust.” Da gilt nicht zu sagen, man belohne in den Übungsstunden oder auf dem Hundeplatz - es hat einfach immer zu erfolgen.

“belohnt”: Man kann im wesentlichen zwei Belohnungsformen unterscheiden - die eine ist wesentlich direkter als Belohnung spürbar, die andere wirkt dafür nachhaltiger: materielle und soziale Belohnungen. Das Leckerli ist die klassische, materielle Belohnung (nach all den Ausführungen verstehen Sie sicher jetzt, warum ich etwas ungehalten reagieren, wenn positiven Verstärken aufs Leckerli reduziert wird). Zuwendung, loben, streicheln, spielen - all das sind soziale Verstärker (Belohnungen), die insbesondere die Beziehungsebene vertiefen (und deshalb nachhaltiger wirken). Damit ist eine Abstufung klar: materielle Belohnungen setze ich ein, um dem Hund eine direkte Rückmeldung zu geben - “Das war toll!”. Überschwängliches loben und streicheln ersetzt im Laufe der Zeit die materielle Belohnung und sagt: “Ich bin so stolz auf dich - wir sind ein tolles Team!” Natürlich kann man auch beides gleichzeitig einsetzen, trotzdem sollte man sich vorher überlegen, wie man im Laufe der Zeit abstuft.

“wahrscheinlich”: Das positive Verstärken ist eine Form zielgerichteter Kommunikation - und Kommunikation ist nie ganz eindeutig. Es kann also gut passieren, dass Ihr Hund einige Zeit Ihre Absichten falsch versteht (bzw. dass Sie es nicht schaffen, sie ihm deutlich zu machen). Er zeigt möglicherweise ein Verhalten, das Sie gar nicht wünschen - viele Hunde spulen z.B. das gesamte Repertoire erlernter Verhaltensweisen ab, wenn sie nicht verstehen, was ihr Herrchen will: Irgendwann wird ja wohl das Passende dabei sein! Wenn Sie anschließend den Hund belohnen, wird er in unklaren Situationen häufiger ohne Geheiß alle Anweisungen ausführen, die er kennt. Also kann ein Missverständnis in der Kommunikation zu Fehlverhalten führen - aber auch die Individualität Ihres Hundes: für manche Hunde sind z.B. bestimmte Reize von außen so stark, dass sie darüber alles andere vergessen, auch das Üben. Trotzdem gilt: In der weit überwiegenden Zahl der Fälle ist positives Verstärken ein sinnvoller und erfolgreicher Ansatz.

“häufiger”: Mit dieser Formulierung verwahre ich mich gegen die Überheblichkeit mancher Hundehalter, die nach einer bestimmten Ausbildung des Hundes einfach davon ausgehen, dass er immer und überall in absolut gleicher Weise auf eine Anweisung reagiert. Dass dies im Regelfall auch zutrifft, will ich nicht abstreiten, aber mich erschreckt ein Gedanke, der in solche Äußerungen verborgen liegt: Es wird so getan, als wäre ein Lebewesen ein Maschine, die immer akkurat denselben Output liefert. Dagegen sage ich aus Überzeugung: Ein Lebewesen ist ein Lebewesen - letztlich bleibt immer eine kleine Unsicherheit. In den Schriften des Kybernetikers und Philosophen Heinz von Foerster wird dieser Unterschied zwischen trivialer Maschine (Ein-und-Aus-Schalter-Prinzip) und nicht-trivialer Maschine (jeder lebendige, zur Fortentwicklung fähige Organismus) umfassend dargestellt - eine empfehlenswerte Lektüre.

Und zuletzt etwas, was oben nicht steht: “ausschleichen”. Irgendwann muss die Lernsituation in den Alltag geholt werden. Das geschieht nicht von heute auf morgen - das wäre für den Lernenden zu frustrierend. Trotzdem wird ein Abiturient auch nicht mehr ständig für die Beherrschung des kleinen Ein-mal-Eins gelobt. Also gilt es, die Belohnung Schritt für Schritt zu reduzieren: vielleicht jedes zweite Mal besonders belohnen - einige Zeit später jedes dritte, jedes fünfte Mal. Irgendwann genügt ein freudiges Wuscheln, eine kleine Berührung am Ohr oder ähnliches. Und wenn man irgendwann merkt, dass längst Erlerntes nicht mehr zuverlässig ausgeführt wird: sofort wieder mit Belohnungen beginnen - zum Auffrischen jedes zweite Mal, um ganz neu zu üben immer.