Dominanzverhalten gegenüber anderen Hunden

.... mein zweiter Hund, Labradormischling, zeigt seit er ca 2 Jahre alt ist einigen Hunden gegenüber starken Dominanzverhalten. Als Welpe hatte er genug Spielgefährten, um gutes soziales Verhalten zu erlernen. Erzogen habe ich überwiegend mit positiver Bestärkung. Trotz gutem Sozialverhalten rast er teilweise auf andere Hunde zu, knurrt und schnappt jetzt sogar .......

Auf Rückfrage erhielt ich folgende Informationen:

Der Hund ist jetzt 2 3/4 Jahre alt. Er zeigt sein Verhalten eigentlich nur kleineren Hunden gegenüber, aber eben nicht immer, ..... . Auf unserer Hundewiese zeigt er dieses Verhalten allen neuen Hunden gegenüber, außer sie sind sehr dominante, nicht kastrierte Rüden. .... Um ihm ein anderes Verhalten beizubringen, habe ich auf öffentlichen Wegen, wenn er auf einen anderen Hund losging, mich von ihm entfernt, was auch half - auf unserer Wiese aber nicht: da bin ich auf beide Hunde zu, als er nicht auf energisches NEIN hörte, zog ich ihn von dem anderen Hund und entfernte mich vom Rudel ...... . Ein anderes Mal bemerkte ich sofort, wie er sich aufrichtete und kurz vor dem Sprung konnte ich mit NEIN einwirken und er tat nichts.

Antwort:

Ihr Hund ist jetzt in dem Alter, in dem ein Hund innerhalb eines Rudels nach einer höheren Position strebt. .... Auf der Hundewiese ist er in der Regel verträglich, aber wenn ein neuer Hund dazu kommt, kann es Probleme geben. Die Probleme tauchen gegenüber dominanten Hunden nicht auf.

Meine Hypothese, von der aus ich weiterdenke, heißt zunächst: Innerhalb eines bekannten Bereiches (ähnlich vertraut wie das eigene Revier) versucht Ihr Hund einen ihm gemäßen Platz in der Hierarchie zu finden. Es gibt Beobachtungen, die zeigen, dass Hunde sich nicht in Hierarchiekämpfe einlassen gemäß ihrer tatsächlichen Stärke, sondern in Abhängigkeit von dem, für wie stark sie sich halten und wie stark sie den Gegner einschätzen. Dazu würde passen, dass Ihr Hund gegenüber dominanten Hunden ruhig bleibt und eher kleineren gegenüber dominant wird. Dabei kann es für menschliche Verhältnisse ausgesprochen wild und gefährlich zugehen, aber in der Regel ist es ein ritualisierter Kampf, der mit rasch aufeinander folgenden Drohgebärden und laut hörbarem Scheinschnappen geführt wird.

So gesehen ist es - solange es nicht zu einer ernsten Beisserei führt - ein normales Verhalten - aber natürlich ist es ein lästiges Verhalten, das auch Sie unter ständige Anspannung setzt. Eine gute Methode für den Bereich außerhalb der Wiese haben Sie ja bereits im Weglaufen gefunden. Möglicherweise würde diese Methode auf der Wiese nicht funktionieren, da sich Ihr Hund dort im eigenen Revier fühlt und nicht so sehr auf Sie als Rudelführer reagiert.

Noch eine weitere Beobachtung: begegnet ein Hunderudel einem fremden Rudel oder Einzeltier, ist es zunächst Sache des Rudelführers, den Kontakt herzustellen. In diesem Sinne verstösst Ihr Hund gegen hündische Verhaltensregeln. Vielleicht nutzt er auch nur einen Freiraum, den Sie ihm gelassen haben.

Folgende Ideen könnten Sie weiterbringen:

1. Ich halte einen Punkt, den ich bereits geschrieben habe, für wichtig: Erstes Ziel muss sein, das unerwünschte Verhalten zu unterbrechen - so früh als möglich. ..... Wenn es gelänge, unerwünschtes Verhalten frühestmöglich zu unterbrechen, wäre dies der Ansatzpunkt, erwünschtes Verhalten aufzubauen. Dazu sollten Sie den Ansatz der positiven Verstärkung wählen und schrittweise vorgehen. Wählen Sie eine Anweisung, auf die hin er die Annäherung an einen anderen Hund sofort abbrechen muss. Jedes (auch nur) ansatzweise Befolgen muss belohnt werden! .... Um das Unterbrechungsverhalten einzuführen, beginnen Sie damit, jede zweite oder dritte Annäherung an einen anderen (auch bekannten) Hund auf der Wiese zu unterbrechen - hat er sich sein Leckerchen geholt, kann er sich dem anderen Hund zuwenden. Wenn das zuverlässig klappt (und erst dann) wird es in der kritischen Situation eingesetzt.

2. Die nächste Überlegung hängt mit dem üblichen Verhalten von Menschen an Hundewiesen zusammen: Die Hunde spielen und die Menschen unterhalten sich, während sie den Hunden zuschauen. Damit geben die Menschen den Anspruch auf Rudelführerschaft auf - das darf man durchaus, denn auch in Hunderudeln gibt es Freiräume fürs Spielen.

Viele Hunde klären Dominanz im Spiel ab, .... . Vielleicht würde es die Situation im Erleben Ihres Hundes (und der anderen) verändern, wenn die Menschen / Rudelführer plötzlich aktiv mitspielen würden. Bei wilden Laufspielen könnten zwei oder drei auf der Wiese verteilte Personen ein paar Meter mitrennen oder den Weg versperren, sobald ein Hund angerannt kommt. Beim Ziehen an Stöcken können die Menschen auch mitmachen und ebenso kräftig rempeln, schieben und drängen, wie es die Hunde tun.

In jedem Fall würde sich plötzlich der Freiraum fürs Spielen verändern, weil die Rudelführer mittendrin sind - also die geklärte Hierarchie nie ganz aus dem Spielbereich verschwunden ist. Dann kann auch der Empfang neuer Hunde von den Rudelführern übernommen und ins Spiel übergeleitet werden. .....

3. Eine letzte Idee knüpft daran an: Wenn die Beobachtung stimmt, dass in der Regel der Rudelführer fremde Hunde begrüsst, verstößt Ihr Hund an dieser Stelle gegen Verhaltensregeln. Vielleicht sollten Sie ihm unmissverständlich klarmachen, dass Sie dieses Recht künftig für sich in Anspruch nehmen.

“Unmissverständlich klarmachen” heisst gegenüber Ihrem Hund: ihn unterwerfen, wie es ein Rudelführer tut. Ich meine damit nicht schimpfen oder im Nackenfell zubbeln oder ähnliches, sondern das zwischen Hunden praktizierte Ritual der Unterwerfung. Das ist natürlich bei so einem “Brocken” harte Arbeit! Verstößt ein Rudelmitglied massiv gegen Regeln, stürzt sich der Rudelführer laut knurrend auf ihn, stößt ihn um und verharrt - zum Zubeißen bereit - mit aufgerissenem Rachen knurrend über seiner Kehle. Genau das sollten Sie ggf. ausführen mit einem Unterschied: Ihre Hand packt kräftig das Kehlenfell, während Sie nur Ihren Kopf dicht über die Kehle beugen. Falls Sie bisher auf knurren, wuffen, brummen und bellen als Kommunikation verzichtet haben: üben Sie vorher, sonst kringelt sich Ihr Hund vor Lachen!

Das hört sich eher belustigend an, ist aber die Umsetzung meines Ansatzes: Als Mensch kann ich schneller die Sprache des Hundes lernen und sie sinngemäß gebrauchen als ein Hund zuverlässig meine Sprache in jeder Situation übersetzen kann. .......

Mit allen drei Ideen - auch in Kombination - würde ich nach den mir jetzt bekannten Informationen gute Chancen für eine schnelle Veränderung sehen.

Rückmeldung:

.... Nach Ihrer Antwort fiel es mir leichter, meinem Hund sein unerwünschtes Verhalten abzutrainieren, was die Sache um einiges erleichterte. Auch habe ich eine Hundeschule mit ihm besucht, da ich es für gut hielt, eine andere Umgebung mit anderen Hunden auszuprobieren, um sein Verhalten noch genauer einschätzen zu können.

Alle waren erstaunt, was ich doch für einen gut erzogenen Hund habe, mein Problem konnte ich nur schildern, was mir aber kaum jemand glaubte, .....

.... Urlaub an der Ostsee, vor dem mir graute, da am Strand viele Hunde sind. Aber auch da merkte ich sofort, was mein Hund schon gelernt hatte. Er lief (fast nur) auf andere Hunde zu, wenn ich es erlaubte und die Hunde schon dicht genug waren. Es lief also prima und machte wieder richtig Spaß einen großen schwarzen Hund zu besitzen.