Wo findet für einen Hund das Lernen statt?

Für viele Menschen scheint die Antwort schnell gefunden: “Richtig gehorchen gelernt hat er auf dem Hundeplatz zur Vorbereitung auf die Begleithundeprüfung.” Dass ein Hund auf einem Hundeplatz etwas lernen kann, ist unbestritten - wieviel, das hängt vor allem von der Qulität des Platzes und Trainers ab.

Aber hat ein Hund sonst nichts gelernt?

Ich sage: er hat “völlig nebenbei” viel mehr gelernt in anderen Situationen. Er kennt sich in der Wohnung oder im Haus bestens aus, er kennt die nähere Umgebung genau, teilweise auch die Nachbarn (selbst, wenn er sie nur selten sieht). Er hat gelernt, wie man sich im Auto, Restaurant, in Bus und Bahn, in fremden Wohnungen, in der Bank und Post, ... verhält. Er hat gelernt, dass er draußen auf dem Feld auch mal 200 Meter weit weg rennen darf und dass er sich in der Fußgängerzone dicht an seinen Menschen halten muss. Er erkennt an den Geräuschen vor dem Haus, ob Mann, Frau oder Kinder heim kommen oder ob der Postbote kommt oder ein Fremder - und viele Hunde zeigen das jeweils entsprechend an. In meinem Buch “Mensch, Hund - du Esel!” zeige ich die Querverbindung zu dem, was wir Menschen Ritual nennen - Hunde kommunizieren in Ritualen, leben in Ritualen.

Als Doña im Verlauf ihrer Staupe-Erkrankung völlig blind wurde, fand sie sich in der Wohnung (die sie erst wenige Tage kannte) ohne anzustoßen zurecht - übergangslos. Sie ging etwas langsamer, schnüffelte etwas mehr. In diesen Tagen begann die Genesung und manchmal wollte sie einige Minuten spielen - selbst beim Herumtollen stieß sie nicht an. Sie - der Hund, der drei Wochen vorher nur das Tierheim kannte - hatte trotz Krankheit längst die Wohnung “erlernt” und wusste, wo sich Wände, Schränke, Stühle, Tische, ... befanden. (Mehr zur Staupe erfahren Sie unter “Für Sie”.)

Manches entwickelt ein Hund ganz von selbst ohne Einwirken des Menschen, für andere Verhaltensweisen hat er einige Zeit die konkreten Anweisungen durch den Menschen gebraucht und daran gelernt, dass ein ganzes Bündel von Anweisungen für diese Situation zu befolgen sind (aber irgendwann konnte man auf die ganzen Anweisungen weitgehend verzichten).

Manchmal lernt ein Hund auch etwas, was gar nicht so beabsichtigt war!

Ich kenne inzwischen recht viele Hunde, die einen bestimmten Unterschied ganz genau gelernt haben: “Jetzt sind wir auf dem Hundeplatz - jetzt nicht mehr!” Einige von diesen Hunden sind auf dem Platz gelehrige und folgsame Schüler  und sobald sie das Gelände verlassen, sind sie wieder die unbändigen Racker wie eh und je. Es ist fast so, als ob sie verstehen: “Wenn Herrchen auf diesen Platz geht, möchte er auch mal Rudelführer spielen ...”

Tura hatte auch etwas gelernt, was ich ihr so gar nicht beibringen wollte. Sie kannte die Anweisung “Geh außen rum”, mit der ich sie um Tische, Stühle oder auch Gebüsche herum schickte. Es gab aber eine Situation, in der sie diese Anweisung nicht oder nur ansatzweise befolgte (“ungehorsam” war): wenn sie an der Leine war. In diesem Fall droht sich ja die Leine, die sie hinter sich herzieht, zu verheddern - meine Anweisung ist also letztlich unsinnig. Dass sie diese Unterscheidung (mit und ohne Leine) gelernt hatte, merkte ich erst, als sie das “Geh außen rum” bei einer Laterne nicht mehr ausführte, sondern die Ausführung nach wenigen Schritten abbrach und der Leine folgend zu mir zurück lief.

Meine Überzeugung heißt also: Das Lernen findet nicht in besonderen Situationen statt, sondern im gemeinsamen Alltag. Dazu gehört auch die Stunde auf dem Übungsplatz, aber vor allem gehören dazu viele kleine 10-Minuten-Übungen, die sich beim Brötchenholen, vor der Sparkasse, in der Waschküche, am Straßenrand, ... ergeben. Damit findet Lernen auch immer in der jeweils passenden Situation statt - also dort, wo der Sinn des Erlernten am ehesten auch einem Hund spürbar wird. Und ein Hund, der innerhalb seines Rudels in der entsprechenden Situation einfach “versteht”, welchen Vorteil (welche “Belohnung”) ihm das Befolgen einer bestimmten Anweisung bringt, befolgt diese Anweisung fast automatisch - auch später, außerhalb der Situation. Tura hatte das Fußgehen im Gewühl eines Kirchentages “verstanden”. Allerdings muss man genau überlegen, was eigentlich für ein bestimmtes Verhalten zur Belohnung wird.

Das klassische Üben mit Hunden erfolgt von einem genau umgekehrten Ansatz her: zuerst wird ein Verhalten in der besonderen Situation eines Hundeplatzes trainiert (und damit bekommt es dort nur die Qualität einer Gehorsamsprüfung) und wenn das Verhalten auf Anweisung erfolgt, geht man in die Situation, in der es sinnvoll eingesetzt werden kann.

Ganz konkret spiegelt sich dies in Äußerungen wie: “Wenn mein Hund erst einmal erzogen ist, dann kann ich ihn auch in ein Restaurant mitnehmen!” Dabei kann letztlich ein wesentlicher Teil der “Ausbildung fürs Restaurant” eben nur im Restaurant erfolgen - also nahm ich bisher jeden Hund einfach mit und schaute mal, wie schnell er “gutes Benehmen” dort begreift (keine Sorge: ich bin immer noch gern gesehener Gast in jedem Restaurant!).

Wenn Sie eher meinem Verständnis zuneigen, dann werden die gemeinsamen Stunden mit ihrem Hund wesentlich wichtiger und bedeutungsvoller: viel gemeinsam erleben bringt viele sinnvolle Lernmöglichkeiten mit sich.

Ein bisschen Eigenwerbung darf sicher auch sein: Im “Hauptberuf” beschäftige ich mich damit, wie Menschen sinnvoll lernen können - dieses Wissen fließt in Kurse, Beratungen und Konzepte ein. Wenn Sie das ebenfalls interssiert, finden Sie auf meiner beruflichen Homepage www.proyect-wogama-ltd.de immer aktuell Informationsmöglichkeiten.

 

Hund Tura und die Leine 250

Die Leine ist auf den Bildern schwer zu erkennen, aber was hier geschieht, ist deutlich genug: Tura reagiert auf die Anweisung “Hier”, hat aber - ohne mein Dazutun - gelernt, den Ruck durch das Leinenende zu vermeiden, indem sie das Hindernis richtig umläuft - also nicht in direkter Linie auf das “Hier” reagiert, sondern (nur wenn sie angeleint ist) Hindernisse umgeht.

Eigentlich logisch: ab diesem Lernprozess klappte dann auch die Anweisung “Geh außen rum” nicht mehr richtig, wenn sie angeleint war (ohne Leine schon - diesen Unterschied machte Tura): sie schwenkte um das Hindernis, dann “fiel ihr auf”, dass sie an der Leine war und ein Problem entstehen würde - und sie kehrte um. Ich glaube, ich brauchte länger, um diese Zusammenhänge zu verstehen, als Tura Zeit brauchte, um zu lernen, Hindernisse angeleint auf der richtigen Seite zu umlaufen - Mensch, du Esel! Hund, du Esel? So ähnlich entstand der Titel meines Buches “Mensch, Hund - du Esel!”