Bin ich der Richtige für den Hund?

Ich habe einen Schrebergarten. Die Nachbarn dort hatten seit 2 Jahren einen Hund, den sie aus dem Tierheim geholt hatten. Er ist jetzt 7 Jahre alt. Mir gefiel er von Anfang an (in meiner Jugend hatten wir Zuhause  Hunde). ....... Manchmal war er auch einige Zeit bei uns im Garten und  manchmal gehorchte er sogar. ......

Vor etwa zwei Monaten haben mich die Nachbarn angesprochen, ob ich den Hund nicht übernehmen wolle. Sie ziehen in eine andere Stadt und können ihn  nicht mitnehmen. Wenn sie niemanden für ihn finden, muss er wieder ins  Tierheim. Dabei erzählten sie auch, dass die Vorbesitzer ihn offenbar  nicht sonderlich gut behandelt hatten. Aus dieser Zeit hat er ein paar  Angewohnheiten, über die sie uns auch informierten (möchte nicht alleine bleiben, hat Angst vor Orten mit lauter Musik, meidet laute Kinder,  schnappt, wenn jemand einen Stock hochhält, ....). Ich besprach die  Frage mit meiner Frau und der Arme tat uns einfach leid. Da einer von  uns immer Zuhause ist, haben wir wenige Tage später recht spontan  zugesagt.

Jetzt ist er seit sechs Wochen bei uns. Wir fühlen uns überfordert, wissen  manchmal nicht, was wir tun sollen und ob wir dann das Richtige tun -  wir wollen nur sein Bestes. .....

Verstehen Sie uns bitte recht: Wir haben ihn in dieser Zeit schon richtig ins  Herz geschlossen. Aber an so vielen Punkten haben wir den Eindruck, dass wir gar nicht wissen, was er braucht und will. Ist es für ihn nicht  vielleicht besser, wenn wir einen guten Besitzer für ihn suchen? Aber  jetzt schon wieder ein Wechsel - verträgt er das? Können Sie uns einen  Rat geben?

Antwort:

Sie beschreiben keine konkreten Probleme mit ihrem Hund. Ich gehe einfach  davon aus, dass es keine ganz brennenden Probleme gibt, sondern einfach  rundherum die Frage in ihnen ist: Sind wir überhaupt die richtigen  Besitzer / Rudelführer für diesen Hund? Hätte er es woanders besser?

Der Hund hat zwei wohl gute Jahre hinter sich, aber die Mehrzahl seines  bisherigen Lebens war wohl nicht so toll. Alles, was Sie heute (noch) an Fehlverhalten an ihm erleben, sind wahrscheinlich Verhaltensweisen, die er in diesen früheren Jahren gelernt hat. Und hätte er sie nicht  gelernt, hätte er möglicherweise diese Jahre überhaupt nicht so gut überstanden. Es sind also sinnvolle und gute Verhaltensweisen (gewesen). Würdigen Sie sie als solche. Würdigen sie auch das Alter des Hundes,  denn er ist schon im mittleren Alter. Beides meint auch: das Erlernen  neuer Verhaltensweisen geschieht in diesem Alter (mit so einer  Biographie im Gepäck) nicht mehr ganz leicht - sie werden Geduld und  Einfühlungsvermögen brauchen.

Ein weiterer Gedanke: Das Schicksal hat sie zusammengeführt. Kaum ein Hund  kann sich das Rudel aussuchen, in das er hineinkommt (durch Geburt, Kauf oder Zufall). Auch meine Tura hatte einen Menschen mehr als alle anderen  ins Herz geschlossen, einen Freund von mir - ginge es nach ihr, wäre sie sofort zu ihm gezogen; ginge es nach ihm, wäre das auch möglich;  ginge es nach der Allergie seines Kindes, wäre sie einen Tag später im  Tierheim gewesen. Manchmal geht es eben nicht so, wie ein Hund will - und  manchmal ist das ja auch gut so.

Wenn ich jetzt die Punkte 1 bis 3 zusammenfasse, kommt dabei heraus: Ihr  Hund ist durch ZufalI zu Ihnen gekommen und Sie wollen ihm ein so gutes  Rudel bieten, dass Sie ihn sogar wieder abgeben würden - besser kann es ein Mensch nicht meinen, also sind Sie die Richtigen und darauf sollten  Sie sich gefälligst einlassen (sorry, wenn ich dies so deutlich sage).  Und Ihr Hund hat Probleme, die er langsam und Schritt für Schritt wohl lösen kann, wenn ein guter Rudelführer ihn geduldig anleitet. Und Sie  haben das Problem, dass Sie sich noch nicht als guter Rudelführer fühlen und das jetzt lernen sollten.

Zunächst: dass Sie fast immer mit ihm zusammen sind, ist dabei eine gute Hilfe.  Bringen Sie ihn in Situationen, die ihn fordern - er wird dabei zugleich Sie als Rudelführer umso mehr akzeptieren lernen, weil Sie mit Situationen umgehen können, die ihn alleine völlig überfordern würden:  fahren Sie mit ihm im Bus, gehen Sie durch die belebte Fußgängerzone,  legen Sie Einkäufe so, dass alle Geschäfte, in die ein Hund mit hineindarf, auf einer Route liegen, gehen sie in Post, Bank, Ämter,  Bahnhof, ... . Der Rudelführer ist der, der am besten den Bestand des Rudels sichern kann - und Ihr Hund wird in solchen Situationen fast  zwangsläufig Sie als Rudelführer erkennen. In den meisten der genannten Situationen wird er die Leine brauchen und im dichten Menschengedränge versteht er vielleicht wie von selbst, dass “Fuß” eine auch für ihn ganz tolle Sache ist. Gutes Fußgehen und das Gelassenbleiben überhaupt  belohnen Sie natürlich regelmäßig. Spielen Sie mit ihm, spielen Sie auch oft Stöckchenwerfen, auch wenn das kein Spiel ist, das Hunde mit  Hunden spielen - er verlernt so allmählich die Angst vor einem Stock  (und wenn er es am Anfang nicht als Spiel erkennt, nehmen Sie zuerst einen Tennisball und später ein Stöckchen).

Geben Sie immer zu den Zeiten das Fressen, an denen die Familie isst - also  dreimal täglich; richten Sie die Mahlzeit der Familie und erst, wenn  alle sitzen, erhält der Hund an anderer Stelle sein Fressen. Bei  Annäherung an den Tisch (spätestens ab ca 30 cm Abstand zur Tischkante) wird er deutlich ermahnt. Dies nimmt die Fressgewohnheiten von  Hunderudeln auf: Die Ranghöchsten nehmen sich das Beste und fressen an  einer Stelle, die anderen bekommen den Rest und suchen sich einen anderen Platz.

Eine typische Hundeschule würde den Problemstellungen wohl nicht gerecht werden. Aber vielleicht finden sie einen Trainer, der sie in eine  Agility-Gruppe mit aufnimmt. Agility ist gemeinsame Bewegung mit dem  Hund und festigt vor allem das Miteinander zwischen Mensch und Hund. Und ganz nebenbei besteht die Chance, dass ihr Hund einige weitere  Anweisungen erlernt und vielleicht neue Impulse für sein Sozialverhalten mitnimmt. Ich würde ihnen empfehlen, eine solche Möglichkeit zu suchen.

Rückmeldung:

Er ist jetzt seit vier Monaten bei uns. Wir sind schon ein ganz gutes  “Rudel” geworden. Nach ihren Tipps (ihr Buch haben wir inzwischen auch gekauft) haben wir manchmal den Eindruck, dass er uns fast bewundernd anschaut. Auch viele Anweisungen klappen schon recht gut. Nur, wenn es  irgendwo sehr laut ist, will er sich lieber verkriechen - vielleicht  wird das auch noch besser, aber es ist kein Problem. ..... Vielen Dank,  dass sie uns Mut gemacht haben - wir haben viel Freude miteinander.