Der nachfolgende Beitrag stammt aus einem Buch zur Spielpädagogik. Vieles, was hier über das menschliche Spielen gesagt wird, ist aber allgemein und auch auf das Spielen von Hunden übertragbar. Manche Probleme der Hundeerziehung werden in diesem Text verständlicher:
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die Wahrnehmung verändert sich total, wenn wir (oder ein Hund) “ganz gebannt” sind von etwas
- wenn die Regeln der “Spielwelt” anders sind als in der “Realwelt”, trifft dies auch auf spielerisches Üben auf Hundeplätzen zu
- Regeln sind veränderbar, in der “Spielwelt” und in der “Realwelt”

Ein Kind spielt.

Irgendwo dort draußen ist eine Welt. Hier ist seine Welt. Es hört und sieht nichts: von draußen. Es ist ganz versunken, es geht ganz auf im Spiel - die Welt draußen ist versunken, ging unter im Spiel. Das Kind ist ganz gelöst - gelöst auch von jener Welt, hat sie einfach losgelassen oder sich losgesagt.

In der Spielwelt gelten die Regeln der Spielwelt - vielleicht die Regeln des Kindes, vielleicht archetypische Regeln, vielleicht Regeln, die sich wie zwangsläufig aus diesem und keinem anderen Spiel ergeben.

Sie sind. Sie werden nicht diskutiert, nicht bedacht, nicht thematisiert, nicht verifiziert, nicht ..... - sie sind einfach. Sie geben dem Spiel Raum - Spielraum. Jeder Raum hat seine Größe - jeder Raum hat seine Grenzen. Jede Aktion im Spielraum geht bis an die Grenzen, lotet die Größe aus. Zu viel Größe macht Langeweile, zu viele Grenzen Enge. Die Regeln leisten die Gratwanderung. Nicht die Regeln sind wichtig, sondern der Raum, den sie stiften.

Auch Regeln sind ein Spielraum - ein Raum für das Spiel mit den Regeln, die entstanden, weil diese Spielwelt diese Regeln braucht. Wären es andere Regeln, wäre es eine andere Welt. Vielleicht müsste es dazu auch ein anderes Kind sein.

Zeit ist eine der Regeln in der Welt irgendwo dort draußen. Im Spiel wird Zeit unendlich lang und intensiv und vergeht zugleich wie im Fluge. Und sie wird völlig bedeutungslos - nur das Spiel ist. Und das Spiel ist zeitlos, lässt einen Hauch von Ewigkeit ahnen, sobald man in die Endlichkeit zurückkehrt, wo Zeit viel zu große Bedeutung hat.

Auch äußere Formen werden bedeutungslos - sie werden im Spiel neu geschaffen. Ein Teppich? Nein - eine Wiese, ein See, eine Straße! Ein Sofa? Nein - ein Berg, ein Tisch, ein ...... ! Alles verändert sich - beim Wechsel von der Welt dort draußen ins Spiel und im Spiel immer wieder. Und alles ist dabei real. Im Spiel duftet die Wiese und man erklimmt den Berg, das Püppchen spricht und das Auto fährt. Spiel ist eine andere Realität.

Das Kind ist in der Realität des Spiels. "Ich bin ein Riese!" Es macht Spaß, ganz anders zu sein als sonst! Und das Kind wird zum Riesen, der sich vor nichts fürchtet, zu dem alle aufschauen, der gewaltige Schritte tut, der alles plattwalzt ...... - Riese-Sein hat auch Nachteile: "Nein, ich bin doch lieber ein Zwerg!".

Und es ist Riese und ist Zwerg - von dieser unsäglichen Trennung in Körper, Geist und Seele hat die Spielwelt nie gehört: Wer spielt, der denkt und fühlt und handelt - ist ganz er selbst. Wer spielt, schlägt Brücken zu sich selbst: auch der Erwachsene zum Kind, das er immer noch tief in sich trägt.

Das So-Sein des Kindes darf im Spiel ein Anders-Sein werden. Aus dem Anders-Sein im Spiel wächst ein Anders-geworden-Sein nach dem Spiel.

In jedem So-Sein eines Lebens liegt der Wunsch nach einem Anders-Werden. Die Brücke schlägt mit tiefem Ernst das Spiel.

Schlaglichter einer Spielpädagogik

Im Spiel entsteht eine ganz eigene Welt im Spielenden. Oft ist er sich darüber bewusst, dass es eine andere Realität gibt, aber manchmal tritt die äußere Realität ganz in den Hintergrund: Dann muss zum Beispiel die Mutter erst ins Kinderzimmer treten und fragen "Hörst du denn überhaupt nichts?", um das spielende Kind abrupt mit der äußeren Realität zu konfrontieren. Nein, das Kind hat nichts gehört - die Filter seiner Wahrnehmung haben alles aussortiert, was nicht in die Spielrealität gehörte. Ein interessantes Spiel "schlägt in Bann" und "nimmt gefangen" - unabhängig vom Alter.

Darin liegt auch die Problematik der Transfer-Frage: Nach dem Spiel wird die andere Realität des Spieles deutlich. Sie hat zunächst wenig mit der gewohnten Realität zu tun. Erfahrungen von der einen in die andere zu bringen, so dass sie den Alltag bereichern, kann zu einer unmöglichen Aufgabe für den Einzelnen werden. Eine Spielpädagogik muss sich immer auch der Frage stellen, wie der Schritt vom Spiel in die Alltagswelt geleistet werden kann. Dabei bleibt unbestritten, dass Erfahrungen in der Spielrealität grundsätzlich positive Auswirkungen haben (z.B. bei Selbstbild, Rollenfestlegungen, Handlungskompetenz, ....), die aber im Einzelfall schnell verflachen können bzw. intensiver genutzt werden könnten.

Um diese neuen Erfahrungen zu ermöglichen, gehört zum Spiel, dass SpielerInnen sich anders verhalten sollen (was mehr ist als dürfen) als in der Alltags-Realität. Der Schüchterne soll zum Forsch-Sein ermutigt werden, der eher Stille zum Mitreden, der Bestimmende zum Mitentscheiden(-lassen), ...... . Im Spiel schaffen die Regeln die Möglichkeiten zu neuen Prozessen in der Gruppe und im Einzelnen. Regeln sind damit nicht Selbstzweck, sondern dienen einem Zweck. Sie bilden den Rahmen, in dem die Spiel-Realität - und in ihr die neuen Erfahrungen - entstehen kann. Eine Regel, die nichts zur Spiel-Realität beiträgt oder deren Entfaltung behindert, ist überflüssig oder muss durch eine sinnvollere ersetzt werden.

Damit ist über das Wesen von Regeln auch gesagt: weniger ist oft mehr - anschaulich, einfach und verständlich - diskutier- und veränderbar. Wenn sich aus vorgegebenen Regeln die Spiel-Realität "wie von selbst" entfaltet, stimmen die Regeln und es gilt das weiter oben Gesagte ("Sie werden nicht diskutiert, nicht bedacht, nicht thematisiert, nicht verifiziert, nicht ..... - sie sind einfach") nicht deshalb, weil es verboten wäre, sondern weil kein Bedarf besteht.